Willy Scheinhardt

Foto: Willy Scheinhardt 1931 (links) mit Claas de Jonge, dem damaligen Sekretär der Fabrikarbeiter-Internationale. Fotograf unbekannt. Quelle: Archiv der IG Papier - Chemie - Keramik
 

Foto: Willy Scheinhardt 1931 (links) mit Claas de Jonge, dem damaligen Sekretär der Fabrikarbeiter-Internationale.
Fotograf unbekannt.
Quelle: Archiv der IG Papier - Chemie - Keramik

Geb. 10. Januar 1892 in Etzdorf (Sachsen), ermordet 6. Oktober 1936 in Hildesheim. Sohn eines Bergarbeiters aus dem Mansfelder Land.

Beruflicher und politischer Werdegang
Carl Willy Scheinhardt besucht die Volksschule und arbeitet nach deren Abschluss als Hilfsarbeiter in chemischen Fabriken. Schon im Alter von 16 Jahren wird er 1908 Gewerkschaftsmitglied. Zwei Jahre später tritt Scheinhardt in Bitterfeld der SPD bei und engagiert sich in der Arbeiterjugend, deren Leitung er recht bald übernimmt.

Im April 1919 beginnt Willy Scheinhardts gewerkschaftliche Karriere als Sekretär des Fabrikarbeiterverbandes in Harburg. Der schickt ihn 1922 als Agitationsleiter nach Hannover. 1925 wird Willy Scheinhardt zum Gauleiter des Fabrikarbeiterverbandes Hannover berufen. In dieser Funktion bleibt er bis zur Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nazis tätig. Scheinhardt ist einer der wenigen Gewerkschafter, die schon früh vor der Bedrohung der Demokratie durch die Nationalsozialisten und ihre Steigbügelhalter warnen.

Im Juni 1930 kann der Fabrikarbeiterverband auf 40jähriges Bestehen zurückblicken und feiert gleichzeitig die Einweihung des neuen Verbandsgebäudes an der Rathenaustraße, das im Februar 1930 von einer Bank erworben werden konnte. Willy Scheinhardt bezieht mit Frau und Tochter eine der Wohnungen im zentralen Gewerkschaftsgebäude. Zum zentralen Festakt des Fabrikarbeiterverbandes zeichnet sich Scheinhardt mit einem richtungweisenden Beitrag aus. Er hat sich schon länger mit den seinerzeit neuen Agitationsmedien Film und Rundfunk beschäftigt und produziert für die Jubiläumsveranstaltung gemeinsam mit dem Regisseur Albert Blum den Film „Aufstieg“, der von den Festgästen begeistert aufgenommen wird.

Nach vierjähriger Erfahrung mit dem Medium Film als Agitationsmittel konstatiert Willy Scheinhardt : „Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass der Film eins der wichtigsten Propagandamittel mit ist. Er wirkt überzeugend und lockert den Boden ordentlich auf, der zu bearbeiten ist. (...) Mit Hilfe des Films tragen wir den gewerkschaftlichen Gedanken in die Familien. Wir arbeiten nicht nur auf großen Hauptstraßen und Märkten, wir gehen auch in die Quer- und Nebenstraßen, d.h. in das kleinste Dorf.“

Als den Nazis am 30. Januar 1933 die Macht übertragen wird und die ersten Repressionen von SA und SS gegen die Gewerkschaften einsetzen, ist Willy Scheinhardt vorbereitet und schafft vorsorglich wichtige Gewerkschaftsunterlagen mit dem Motorrad nach Amsterdam, wo die „Fakrikarbeiter-Internationale“ ihren Sitz hat. Nach dem Überfall der Nazis auf die hannöverschen Gewerkschaftshäuser am 1. April 1933 wird Willy Scheinhardt verhaftet und länger als die meisten ebenfalls verhafteten Gewerkschaft festgehalten.

Nach seiner Freilassung wird Willy Scheinhardt sofort wieder politisch aktiv und schließt sich der „Sozialistischen Front“ an, der größten - mittlerweile im Untergrund arbeitenden - sozialdemokratischen Widerstandsorganisation in Deutschland. Für den bereits geschwächten Fabrikarbeiterverband reist Scheinhardt im März 1933 nach Süddeutschland, um dort vorsorglich eine weitere Zentrale des Verbandes aufzubauen. Dies erweist sich als zu späte Vorsorge.

Anfang 1936 zerschlagen die Nazis mit Hilfe eines eingeschleusten Spitzels die „Sozialistische Front“ und verhaften viele Genossinnen und Genossen. Auch Willy Scheinhardt, der gemeinsam mit seiner Frau Emma ein Wäschegeschäft betreibt, das als Anlaufadresse für Mitkämpfer gilt, wird von der SS verhaftet und in das berüchtigte Gestapogefängnis in Hildesheim verschleppt. Dort wird er unter dem Vorwurf des Hochverrats in Haft gehalten. Nach tagelangen Folterungen stirbt Willy Scheinhardt am 6. Oktober 1936. Die Urne mit seinen sterblichen Überresten wird in aller Stille am 14. Oktober 1936, dem Geburtstag seiner Tochter Gerda, auf dem Ricklinger Friedhof bestattet.

In seiner Ausgabe vom 8. November 1936 druckt der im Exil in Prag erscheinende „Neue Vorwärts“ einen Nachruf auf den Ermordeten, in dem es heißt: „Der frühere Gauleiter des Deutschen Fabrikarbeiterverbandes, der Genosse Willy Scheinhardt, ist Anfang Oktober den Misshandlungen durch die Gestapo erlegen und am 14. Oktober in aller Stille eingeäschert worden. Der Genosse Willy Scheinhardt, der jetzt im Alter von 44 Jahren einen so grausamen Tod erleiden musste, hat von früher Jugend an als Sozialdemokrat und Gewerkschafter selbstlos der Gesamtbewegung und ihren Zielen gedient; er ist auch nach Hitlers Machtantritt seiner sozialistischen Überzeugung treu geblieben und musste nun seine Treue zu unseren Ideen mit dem Leben büßen.“

Erinnerungsort in Hannover
Bis heute gehört Willy Scheinhardt zu den vergessenen Sozialdemokraten. In den einschlägigen historischen Abhandlungen über die Stadt Hannover ist Willy Scheinhardt nicht berücksichtigt worden. Sein Grab auf dem Ricklinger Friedhof ist vor vielen Jahren eingeebnet worden. Am 3. März 2009 hat Gunter Demnig vor der ehemaligen Zentrale des Fabrikarbeiterverbandes in Hannovers Rathenaustraße einen Stolperstein für Willy Scheinhardt verlegt.

von Lothar Pollähne

Quellen:
Heide Kramer, Ein sozialdemokratisches Widerstandskämpferschicksal: Willy Scheinhardt - Gauleiter des hannoverschen Fabrikarbeiterverbandes von 1925 - 1933, Hannover, 2008

IG BCE: 1933 - 2013 Ungebrochen, Die IG BCE - 80 Jahre nach Zerschlagung der Gewerkschaften, Hannover, 2013

Foto:
Willy Scheinhardt 1931 (links) mit Claas de Jonge, dem damaligen Sekretär der Fabrikarbeiter-Internationale. Fotograf unbekannt. Quelle: Archiv der IG Papier - Chemie - Keramik

 

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